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Der Rennsteig im Zentrum des historischen Fachwerks

Suhl. Der Thüringer Wald (und mit ihm der Rennsteig) liegt mitten in Deutschland. Die am weitesten in Deutschland verbreitete historische Bauweise ist die des Holzfachwerks. Überall – außer in Altbayern – war das Fachwerkhaus Wohn- und Arbeitsstätte der Bauern und Bürger. Nur der Adel und die Kirche leisteten sich massive Burgen, Schlösser, Klöster und Gotteshäuser. Wie vielfältig der Fachwerkbau früher war, zeigen die regionalen Unterschiede, etwa zwischen einem niederdeutschen Hallenhaus, wie es im Norden weit verbreitet ist, und einem fränkischen Ernhaus im Süden.

Bilder-Galerie: So vielfältig ist die Fachwerk-Landschaft rund um den Thüringer Wald (Auswahl):

Rohr

Am Rennsteig treffen nicht nur der fränkische und der obersächsisch-thüringische Kulturraum aufeinander. So wie der Rennsteig hier die harte Dialektgrenze zwischen oberdeutschen und mitteldeutschen Mundarten bildet, trennt er auch die historischen Hauslandschaften mehr oder weniger stark von einander.

Der historische Fachwerkbau nahm in jeder Region eine ähnliche Entwickung, die überall einen künstlerischen Höhepunkt erreichte, mit anschließendem Niedergang, allerdings jeweils zu anderen Zeiten. Während im Mittelalter der Pfostenbau weit verbreitet war, setzte sich vor allem im mittel- und süddeutschen Raum der Geschossfachwerkbau (Rähmfachwerk) durch. Im Norddeutschen hielt man am Pfosten- oder Ständerbau mit dem Fachhallenhaus fest. Diese ländlich-bäuerliche Hausform war bis zu ihrem Niedergang im 19. Jahrhundert in der Norddeutschen Tiefebene vom Niederrhein bis nach Hinterpommern weit verbreitet.


Mittelalterlicher Ständerfachwerkbau in Schmalkalden: Fachwerkerlebnishaus in der Weidebrunner Gasse (um 1369).

Die Region um den Thüringer Wald wird hauptsächlich vom Rähmfachwerkbau geprägt. Nur selten sind mittelalterliche Pfostenbauten erhalten, wie in Schmalkalden das Haus Weidebrunner Gasse 13, das mit seiner Erbauungszeit um 1369 zu den ältesten Fachwerkhäusern hier zählt. Da Schmalkalden seit dem Mittelalter von Feuersbrünsten verschont geblieben war, sind hier viele „ältere“ Fachwerkhäuser aus gotischer und der sich anschließenden Beharrungszeit zu finden, die dem fränkischen Typus zuzuordnen sind, aber keinem regionalen Stil. Der Höhepunkt der Fachwerkbaukunst war hier um 1650 schon überschritten. Die bis dahin geschlossen erbaute Stadt blieb – bis auf einige Baulücken – bis heute erhalten.

Zur selben Zeit, also etwa um 1650, erreichte auch auf der thüringischen Seite des Thüringer Waldes der Holzbau seinen Höhepunkt.


Thüringer Leiterfachwerk in Arnstadt: Jedes ganze Gefach wird von einem geschosshohen Pfosten begrenzt.

Arnstadt mag jetzt nicht so sehr als Fachwerkstadt für sich werben, aber ein Gang durch die Stadt lässt den Besucher doch über die Zahl der Fachwerkhäuser und die Menge des in ihnen verbauten Holzes staunen. Paradebeispiel dafür ist auf jeden Fall das Wohnhaus der alten Papiermühle mit seinem typischen Thüringer Leiterfachwerk. Die Fachwerkwand besteht aus dicht und gleichmäßig aufgereihten Pfosten, wie Leitersprossen, anders als beim fränkischen („alemannischen“) Typus, bei dem im Grundprinzip (von dem natürlich immer wieder auch abgewichen wurde) nur Eck- und Bundpfosten in der Wand vorkommen. Um das Leiterprinzip konsequent umzusetzen, zeigen Thüringer Fachwerkhäuser aus dieser Zeit – neben anderem Zierwerk – durch zwischen den Pfosten in den Brüstungen regelmäßig eingestellte Kurzstiele als Hauptgestaltungsmerkmal die „Thüringer Leiter“. Fast hundert Jahre später erlebte das „Leitermotiv“ im fränkischen Fachwerk südlich des Rennsteigs im Gebiet von Suhl ein Comeback.


Fränkisches Fachwerk (Suhl-Heinrichs): Es gibt nur Eck- und Bundpfosten. 

Vom Kunststil der Renaissance wurde auch der Fachwerkbau geprägt. Beispiele hierfür sind die „hessischen“ Fachwerkhäuser in Vacha (Haus Wiedemark, heute Rathaus) oder Schmalkalden (Reformierte Schule). Vor allem in Meiningen gab es etliche Gebäude aus der Zeit um 1600, die im Stil der Renaissance gestaltet waren. Leider fiel das Fachwerk-Meiningen 1874 größtenteils einem Stadtbrand zu Opfer. Einige wenige Beispiele haben aber überlebt, wie das Hartungsche Haus, Wintergasse 8.


Hartungsches Haus in Meiningen von 1603 im Stil der Renaissance.

Aus der Blütezeit der Fachwerkbaukunst, sogenannter hennebergischer fränkischer Fachwerkbau: Amtshaus in Themar (1665).

Im Dreißigjährige Krieg vernichteten im fränkischen Henneberger Land (‚Südthüringen‘) brandschatzende kaiserliche Truppen zahlreiche Häuser, Siedlungen und Städte. Der Wiederaufbau führte zu einem besonderen Aufblühen der Fachwerkbaukunst (füllig bewegter Stil) in der Region (sogenanntes hennebergisches fränkisches Fachwerk) und gipfelte um 1720 in einem urbanen Fachwerk mit barocker Interpretation – zum Beispiel die Nachbildung italienischer Balustraden mit Motivkartuschen, Muschelschnitzereien und Konsolen. In Suhl-Heinrichs finden wir das Spektrum von der füllig bewegten Zeit (um 1650) bis zum Barock (Meininger Straße 93).


Barocke Fachwerkbrüstung in Suhl-Heinrichs (Meininger Straße 93).

Fachwerk-Tipps:

Fachwerk-Städte:
• Schmalkalden
• Ummerstadt

Fachwerk-Ensembles:
• Suhl-Heinrichs
• Benshausen
• Rohr
• Heldburg
• Viernau
• Hendungen 
• Behrungen
• Milz
• Eicha
• Sondheim
u.v.a.m.

Titelbild: Suhl-Heinrichs.
Text/Fotos: Thomas Dreger

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