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Buchtipp der Stadtbücherei Suhl Oktober 2019

Delia Owens ist Zoologin. Über zwanzig Jahre erforschte sie mit ihrem damaligen Ehemann wildlebende Tiere in Afrika und schrieb bisher nur zoologische Sachbücher. Im Moment lebt sie allein im äußersten Norden Idahos, ca. 30 km vom nächsten Ort entfernt. In einem Interview betonte sie, dass Einsamkeit für sie ein Teil ihres Lebens sei. Diese Erfahrungen spürt man auch in ihrem vorliegenden ersten Roman, der seit 11 Monaten auf der Bestsellerliste der New York Times steht.

Der Roman ist ein Buch über das Erwachsenwerden, eine Liebesgeschichte, ein Familiendrama, ein Krimi und eine wunderbare Naturbeschreibung.

Owens erzählt parallel von der Kindheit Kyas in den fünfziger Jahren und von polizeilichen Ermittlungen gegen sie in den Jahren 1969/70.

Das Mädchen wächst in tiefer Armut in einer im Sumpf versteckten Hütte im Marschland an der Küste North Carolinas auf. Sie ist das jüngste von 5 Kindern. Der Vater ist durch Kriegserlebnisse schwer traumatisiert und kann seine Erfahrungen nur mit Alkohol betäuben. Er schlägt seine Frau und die Kinder brutal. Kya ist 6 Jahre alt, als sie mit ansehen muss, wie ihre Mutter einen Koffer packt und die Familie für immer verlässt. Drei ihrer Geschwister verschwinden kurz nach der Mutter. Ihr Lieblingsbruder Jodie bleibt noch einige Zeit bei ihr, bis er sich ebenfalls in Sicherheit bringt. Ein Jahr lang lebt Kya mit dem Vater allein. Sie versucht, ihrem Vater möglichst nicht aufzufallen und gleichzeitig einigermaßen für ihn zu sorgen. Als auch der Vater spurlos verschwindet, schwankt Kya zwischen Erleichterung und panischer Angst. Sie ist 7 Jahre alt und völlig auf sich allein gestellt. Um sie herum ist Natur, vor allem Salzwiesen und Sümpfe. Im nahe gelegenen Dorf Barkley Cove helfen ihr nur der farbige Jumpin, der eine kleine Tankstelle mit Laden betreibt und seine Frau Mabel. Anfangs gräbt Kya Muscheln aus und verkauft sie für ein paar Cent an Jumpin. Später fährt sie mit dem Boot des Vaters zum Fischfang und verkauft geräucherten Fisch. Mit diesem Geld beschafft sie sich Lebensmittel und Benzin. Sie freundet sich mit Tieren an, weil niemand anderes da ist, mit dem sie reden könnte. Bald kennt sie jeden Sumpf, jeden Vogel und jeden Stein. Leidenschaftlich sammelt sie Federn und sortiert sie. In ihrer Einsamkeit sehnt sie sich verzweifelt nach Zugehörigkeit, Liebe und Anerkennung. Einen einzigen Tag lang besucht sie die Schule, weil sie gehört hat, dass es dort warmes Essen gibt. Doch der Besuch wird zu einem demütigenden Erlebnis, weil sie die Ablehnung der Dorfbewohner zu spüren bekommt. Für sie ist sie das „Marschmädchen“, das Sumpfgesindel. Den zaghaften Versuchen der Behörden, sie zu integrieren entwischt sie. Sie wird immer mehr eins mit der Natur, die die einzige Konstante in ihrem Leben ist und bald weiß sie mehr über Tiere, Pflanzen und Naturzusammenhänge als die meisten Erwachsenen. Nur Lesen und Rechnen kann sie mit 14 Jahren immer noch nicht. Tate, ein Freund ihres Bruders Jodie, nähert sich ihr zaghaft, indem er Federn als Botschaften an nur ihr bekannten Orten hinterlässt. Die beiden verbindet die Liebe zur Natur und mit seiner Hilfe lernt sie Lesen und Rechnen und saugt neues Wissen begierig auf. Man erlebt, wie Kya sich von einem verstörten Kind zu einer ungewöhnlichen, selbstbewussten, intelligenten jungen Frau entwickelt.

Doch dann wird im Sumpf die Leiche von Chase Andrews gefunden. Bevor er eine andere heiratete, hatte er ein Verhältnis mit Kya. Für die Bewohner von Barkley Cove ist klar, dass das „Marschmädchen“ Chase aus Rache getötet hat und trotz dürftiger Beweise fokussiert schließlich auch die Polizei Kya als Täterin. Doch sie kommt aus dem Gerichtsprozess gestärkt hervor und wird eine autarke, unabhängige Frau, die jetzt den Titel „Marschmädchen“ mit Stolz trägt. Obwohl mittlerweile finanziell unabhängig, bleibt sie in ihrer, jetzt allerdings modernisierten Hütte im Marschland wohnen und die Geschichte hat fast ein Happy End, wartet allerdings am Ende noch mit einer Überraschung auf.

Der Roman berührt durch seine dramatischen Kontraste zwischen der Schönheit der Natur und der Kälte einer von Vorurteilen geprägten Gesellschaft. Mit Kya hat Owens eine unvergessliche Protagonistin erschaffen, die dem Leser ans Herz wächst und lange im Gedächtnis bleiben wird.

Owens, Delia: Der Gesang der Flusskrebse. – München: hanserblau, 2019. – 459 S.

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